Familientag in den USA 1999
 
Von
Stefan Bernbeck (C33131)
Zug/Schweiz

Als ich am 12.10.1999 den Zürcher Hauptbahnhof in Richtung Frankfurt verließ, erwartete ich bereits voller Spannung und Neugier meine bevorstehende Amerikareise. Da ich kaum eine Vorstellung hatte, wen oder was mich in Missouri wohl erwarten würde, war meine Spannung und Neugier selbstverständlich um so größer.

Stefan in der Business Class

Bevor es allerdings losgehen konnte, wollte ich meiner Großmutter in Bad König zuerst noch einen zweitägigen Besuch abstatten. Denn sie war es, die mich auf das Familientreffen in Amerika aufmerksam gemacht hatte. Am 14.10. war es dann endlich so weit. Meine Abreise stand kurz bevor. Am Frankfurter Flughafen begegnete ich Otto-Georg Richter (F9433) zum ersten Mal und am vereinbarten Treffpunkt. Nachdem wir das Gepäck aufgegeben und unsere Pässe gezeigt hatten, bestiegen wir auch schon bald das Flugzeug. Aufgrund meiner langen Beine wies mir die Stewardess freundlicherweise einen Platz in der Business Class zu. Dies war eine höchst angenehme Überraschung. Ich hatte bisher noch nie das Vergnügen, Business Class zu fliegen. Leider konnte ich mich dadurch nicht mit Otto unterhalten und ihm Fragen bezüglich seiner Person und unserem Reiseziel stellen. Meine Neugierde wurde jedoch ein wenig gestillt, als mir Otto drei Ausgaben des Familienblattes aushändigte und ich mir somit schon vor Ankunft unseres Reiseziels ein ungefähres Bild meiner Vorfahren und von dem was mich in etwa erwarten würde, machen konnte. Als wir nach acht Stunden in Philadelphia angekommen waren, beschlossen wir, erst am nächsten Morgen nach St. Louis weiter zu fliegen und die Nacht in Baltimore zu verbringen. Otto wollte mir die Stadt vorstellen, wo er acht Jahre lang mit seiner Familie gelebt - und den Arbeitsplatz zeigen, an dem er gearbeitet hatte. Also mieteten wir ein Auto und machten uns auf den Weg nach Baltimore. Während der Fahrt erzählte er mir von seinen Erlebnissen, die er während seines Amerikaaufenthalts erlebt hatte. Auch unterrichtete er mich immer über die Gegend, in der wir uns befanden und konnte mir damit nützliche Tips und Informationen für meinen Aufenthalt geben. Unter anderem erfuhr ich, dass sein Hobby Genealogie ist und er über den Stammbaum der Familie Bernbeck intensive Nachforschungen anstellt. In Missouri erhoffte er sich, weitere Informationen über den Familienzweig Strack I in Erfahrung zu bringen. Im S.T.Sc.I. (Space Telescope Science Institute) angelangt, erklärte mir Otto, dass die Leute in diesem Institut sich mit der Erforschung des Weltraums befassen. Danach wurde ich ein wenig herum geführt und Otto erklärte, welche Tätigkeit er hier früher ausgeübt hatte. All diese Neuigkeiten hinterließen bei mir einen ersten tiefen Eindruck. Die Nacht verbrachten wir bei einem ehemaligen Arbeitskollegen von Otto, der uns spontan zur Übernachtung eingeladen hatte, als er zwei Tage vorher gehört hatte, dass wir vielleicht nach Baltimore kommen würden. Um das Wiedersehen mit ihm zu feiern, lud Otto uns alle zum Abendessen ein. Jedoch war ich durch die lange Reise, obwohl mit Business Class, so ermüdet, dass ich mich lieber gleich schlafen legte. Am nächsten Morgen fuhren wir wieder nach Philadelphia zurück, bestiegen das Flugzeug und landeten gegen Ende des Nachmittags in St. Louis. Dort angekommen, mieteten wir uns wieder ein Auto, das uns zur schnellen Fortbewegung während unserem Aufenthalts dienen sollte, und fuhren Richtung Washington. Unterdessen erhielt ich einige Informationen über unsere amerikanischen Verwandten. Dabei erfuhr ich unter anderem, dass einer der Gründe für ihre Niederlassung in Missouri die landschaftliche Ähnlichkeit mit der von Hessen war. Dies war in der Tat eines der ersten Merkmale, das auch mir auffiel. Die Gegend unterschied sich deutlich von den mir bereits bekannten amerikanischen Landschaften. Nach etwa einer Stunde erreichten wir das Haus unserer Gastfamilie Skornia.
 

Das Haus der Skornias in Washington, Missouri

Es wird von Debbie und ihrem Mann Greg bewohnt. Es ist ein stattliches großes weißes Haus, welches sich durch Sauberkeit und Behaglichkeit auszeichnete. Wir wurden herzlich von Debbie empfangen. Sie hatte sich extra für uns für eine Woche beurlauben lassen und Greg hatte sowieso noch Urlaub. Zur richtigen Einstimmung auf Amerika, saßen wir am Abend zu Hamburger und Pommes Frites bei Tisch und erzählten unserer Gastfamilie von Deutschland und der Schweiz. Die ersten Tage verbrachten wir damit, uns an unsere neue Umgebung zu gewöhnen und natürlich gleichzeitig zu erforschen. Beim gemeinsamen Familienessen der Skornias, am ersten Sonntag, lernten wir die Eltern und Kinder von Debbie und Greg kennen. Die Kinder, Stacy und Scott, leben bereits in St. Louis. Stacy studiert Biologie und Scott ist als Bankier tätig. Es freute mich sehr, dass ich auch Personen in meinem Alter kennenlernen durfte. Schon bald merkten Otto und ich, dass uns Debbie und Greg eine außerordentlich hohe und überdurchschnittliche Gastfreundschaft boten. Speziell die Kochkünste von Debbie waren nach meiner Meinung nur schwer zu überbieten. Ein weiteres Ziel, das ich verfolgte, war genauere Informationen über das amerikanische Schulsystem in Erfahrung zu bringen und für mich eventuell in Frage kommende Universitäten anzuschauen. Ich beabsichtige, nach Abschluss meines Gymnasiums in Amerika zu studieren. Am nächsten Tag in St. Louis zeigte mir Stacy einige Universitäten und erklärte mir, wie ein Schulalltag am Campus aussieht. Somit besaß ich jetzt genau die notwendigen Informationen die ich brauchte, um mir ein genaueres Bild zu machen, was mich erwarten würde und was die Unterschiede zu den schweizerischen Universitäten sind. Während Otto sich mit der "Spurensuche" unserer Vorfahren beschäftigte und dabei weitere Verwandte besuchte, unternahm Debbie manchmal etwas mit mir oder ich erforschte auf eigene Faust die nähere Umgebung. Eines der "Highlights" während meines Aufenthalts war ein N.B.A. Basketballspiel zwischen den New Jersey Nets und den Philadelphia 76`ers. Diese Möglichkeit ergab sich ganz unerwartet und freute mich um so mehr, weil ich früher selber gerne Basketball gespielt habe. Es war schon immer ein kleiner Traum von mir, ein N.B.A. Spiel live mitzuerleben. Ich verbrachte den Abend in Begleitung von Debbie und ihren Kindern. Es war sehr unterhaltsam und wir vergnügten uns mit Hot Dog und Coca Cola. "Typisch amerikanisch" würden da sicher einige von euch sagen.

Am nächsten Tag war es dann soweit. Das von mir mit Spannung erwartete Familientreffen stand vor der Tür. Dieses war für uns, als "Vertretung aus Deutschland und der Schweiz", natürlich der eigentliche Hauptgrund der Hinreise. Das Familienfest wurde mit der Einladung zum Aperitif eröffnet. Otto stellte mich dann anschließend Tommy Dobsch und Richard Schowengerdt vor. Sie waren extra aus Kalifornien angereist. Alle Anwesenden hatten es ihnen und Otto zu verdanken, dass dieses Familienfest überhaupt stattfinden konnte. Ich kannte niemanden näher, außer meiner Gastfamilie und meinem Reisebegleiter. Von verschiedenen Personen wurde ich jedoch nach meiner Nationalität gefragt. Ich hatte die Gelegenheit, Angehörige aus Ohio, Kalifornien, Kentucky und Missouri kennenzulernen. Es war für mich außerordentlich interessant zu erfahren, wer meine amerikanischen Verwandten sind und was sie machen. Als sich dann beinahe alle geladenen Gäste eingefunden hatten, begann Otto sich und seine Arbeit vorzustellen. Alle anwesenden Personen gehörten dem Stamm "Strack I" an, außer mir, als einzigem Vertreter des Stammes "Bernbeck-Langd" und Otto als einzigem Vertreter des Stammes "Bichmann". Otto zeigte den Anwesenden ihren Stammbaum und erklärte dazu die wichtigsten Einzelheiten über ihre teilweise höchst bedeutenden Vorfahren. Dazu zählt unter anderem Lukas Cranach. Auch Querverwandte, wie z.B. Johann Wolfgang von Goethe, stellte Otto vor. Dies versetzte die Anwesenden selbstverständlich in großes Erstaunen, obwohl die meisten von ihnen nicht genau wußten, wer diese beiden Männer waren. Kurz darauf wurde zum Abendessen geladen. Dabei hatte man nochmals die Möglichkeit, sich über das gerade Erfahrene zu unterhalten. Gegen 21:00 Uhr löste sich dann das Treffen auf und war somit beendet.

So wie Otto, Tommy und Richard diesen bedeutenden Anlass geplant und durchgeführt hatten, unterschied er sich wesentlich von den in Amerika sonst üblichen Familientreffen. Aber ich denke gerade dadurch wurde dem Treffen eine besondere Note verliehen. Sicher empfanden dies die meisten der geladenen Gästen ebenso. Mir persönlich hat das Familientreffen sehr gut gefallen. Ich hatte die Gelegenheit, viele Menschen kennenzulernen. Sie erzählten mir aus ihrem Leben und von den Städten, in denen sie wohnen. Dies hat mich um eine große Erfahrung reicher gemacht. Der Anlass gab mir ebenfalls ein Bild, mit welchen Problemen die ersten Bernbeckschen Siedler zu kämpfen hatten. Ich frage mich, was wohl ihre ersten Eindrücke, Gedanken, Erwartungen und Hoffnungen waren, als sie dieses Land besiedelten.

St. Louis Museum of Fine Arts

Nach diesem eigentlichen Hauptereignis waren wir bereits in unserer letzten Ferienwoche angelangt. Die verbleibenden Tage verbrachte ich mit Sport, Einkaufen und Vorbereitung auf die Schule. Ein Ausflug in der letzten Woche, der mir ebenfalls große Freude bereitete, war der Besuch im "Museum of Fine Arts" in St. Louis. Es zählt zu den zehn Besten des Landes und besitzt unter anderem Bilder von van Gogh, Kirchner und Beckmann. Wir verbrachten dort einige Stunden und gingen anschließend Mittagessen. Für den Nachmittag planten wir einen Besuch beim Wahrzeichen von St. Louis, "The Great Arch". Es ist ein riesiger Metallbogen, der einige hundert Meter in den Himmel ragt. Man erreicht den Aussichtspunkt mit einem Fahrstuhl. Am obersten Punkt angelangt, bot sich uns eine phantastische Aussicht über St. Louis und seine größere Umgebung. Sie wurde durch das schöne Wetter zusätzlich beeinflußt. Ich denke, dies war genau der richtige Abschluss für unseren vorletzten Ferientag. Den Abend verbrachte ich mit Greg alleine zu Hause, während Debbie und Otto eine Kinoeröffnung besuchten. Am nächsten Tag verließen wir das Haus der Familie Skornia in Richtung Flughafen St. Louis. Nach acht anstrengenden Flugstunden, diesmal leider nicht mehr in der Business Class, landeten wir in Frankfurt. Obwohl ich "nur" zweieinhalb Wochen in Missouri verbracht habe, sind mir Land und Leute sehr ans Herz gewachsen.

© 08. April 2000
Otto-G. Richter