Ergänzungen zu der Artikelserie „Die Familie Bernbeck im Ersten Weltkrieg“

Was? Haben wir immer noch nicht genug Kriegsberichte lesen müssen? Soll nach dem Ersten Weltkrieg jetzt gleich der Zweite Welt-krieg  folgen? – Ich bitte um Verständnis. Ludwig Wahl (A 226) hat uns als Teilnehmer der Schlacht am Skagerrak in der letzten Nummer des Familienblattes beschäftigt, und bei der Durchsicht der Unterlagen, die mir Gertrud Geipel, seine Tochter (A 2262), zur Verfügung gestellt hat, wurde ich auch auf seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs aufmerksam, und die scheinen mir fast noch interessanter zu sein als der Nachhall der Seeschlacht von 1916. Sie zeigen, dass Ludwig Wahl keineswegs ein begeisterter Kriegsheld war – im Gegenteil, er bemühte sich als ziemlich hoher Offizier nach Kräften und unter persönlichen Gefahren, die Leiden des Krieges für Freund und Feind zu mildern.

Als 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende war, nahm Ludwig Wahl im Rang eines Leutnants zur See seinen Abschied. Er musste nun eine neue Existenz aufbauen. Er holte das Abitur nach, studierte an der neu eingerichteten Fakultät in Frankfurt Volkswirtschaft und wurde Diplom-Kaufmann, tätig zunächst in Berlin, bald aber in Friedberg. Er machte sich mit der Vertretung für eine große Versicherung und eine Kaffee-Firma selbständig, studierte aber daneben noch 10 Semester Theologie in Gießen. Er war ja Sohn eines Pfarrers und Dekans (Wil-helm Wahl, A 22) und konnte seine christliche Prägung nicht verleug-nen, und auch sein älterer Bruder Wilhelm (A 222) war Pfarrer gewor-den und wird sich über den Entschluss des Diplom-Kaufmanns gefreut haben. Dieser gab sein Zweitstudium aber auf, als die kaufmännische Tätigkeit bei der damals schwierigen wirtschaftlichen Lage seine ganze Arbeitskraft verlangte. Schließlich hatte er inzwischen eine Frau und zwei Töchter zu versorgen. Er hatte zwar mit seiner Firma in Friedberg beachtlichen Erfolg, fürchtete aber spätere Schwierigkeiten bei der Altersversorgung. Wenn er jedoch Beamter würde, könnte er sich seine Dienstjahre bei der Handels- und Kriegsmarine anrechnen lassen. Da gerade die Luftfahrt von der NS-Regierung mit aller Kraft gefördert wurde und Ludwig Wahl auch auf diesem Gebiert Erfahrun-gen vorweisen konnte, stellte er 1937 einen Antrag auf „Verwendung im Bereich des Reichsministeriums für Luftfahrt“.

 

Als 1939 Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselt und die Wehrmacht 1940 Norwegen besetzt hatte, kam Ludwig Wahl als Major zunächst in Stavanger, dann in Kirkenes zum Einsatz. Kirkenes liegt im äußersten Norden, nicht weit von der russischen Grenze. Dort war er Komman-deur des Seenotdienstes. Das war eine Aufgabe, die Ludwig Wahl als Erfüllung eines Wunschtraums empfunden haben muss. Er war nicht in Kampfhandlungen verwickelt, sondern hatte die Aufgabe, Men-schen aus Seenot zu retten. Er musste das Meer um das nördliche Norwegen mit Flugzeugen nach Schiffbrüchigen oder abgeschosse-nen Piloten absuchen lassen und nötigenfalls, soweit möglich, für ihre Rettung sorgen, d.h. ein Wasserflugzeug oder einen Rettungskutter zur Unglücksstelle beordern. Er wird viele Erkundungsflüge und Ret-tungseinsätze selbst begleitet haben, er hatte ja die nötigen nautischen und fliegerischen Erfahrungen.

Dabei stützte er sich auch auf die vorhandenen norwegischen Ret-tungskräfte, lernte norwegisch und pflegte enge kollegiale Zusam-menarbeit. Ansprüche der Luftwaffe auf das norwegische technische Gerät wehrte er ab und trat von vorneherein dafür ein, dass die Schiffe unter norwegischer Flagge blieben und ihre norwegische Besatzung behielten. Das brachte ihm soviel Anerkennung, dass die nor-wegischen Kollegen ihn auch nach seiner Abberufung aus Norwegen, ja auch noch nach Kriegsende, in dankbarer Erinnerung behielten. Manche Briefe verraten geradezu persönliche Freundschaft, und zweimal erhielt Ludwig Wahl 1947, also in einer Zeit großer Entbeh-rungen und Schwierigkeiten im grenzüberschreitenden Postverkehr, ein Paket mit Lebensmitteln aus dem ehemaligen Feindesland, das selbst noch Not zu leiden hatte. Seine Verständigungsbereitschaft und Kollegialität wurden umso mehr geschätzt, als später der zuständige General beim Rückzug der Wehrmacht aus Norwegen befohlen hatte, „alles abzubrennen“. So wurde Finnmark, der nördliche Teil Norwe-gens, wo Ludwig Wahl geradezu segensreich gewirkt hatte, weitge-hend verwüstet.

In Zusammenarbeit mit den norwegischen Helfern konnte Major Wahl Hunderte von Menschen aus dem eiskalten Wasser retten. Die Geretteten waren teils deutsche Piloten, teils deutsche oder amerika-nische Seeleute, denn um das Nordkap fuhren alliierte Geleitzüge mit Kriegsmaterial für Russland und wurden von Luftwaffe und U-Booten heftig angegriffen. Es gab Opfer und Schiffbrüchige auf beiden Seiten. Dabei war Ludwig Wahl nur bemüht, schnelle und gründliche Hilfe zu leisten. Er hat nie nach der Nationalität gefragt und wollte nicht nur seine Landsleute retten, sondern jeden, der in Not geraten war. Einmal konnte er auch einen norwegischen Kapitän und 25 Besatzungs-mitglieder mit einem Flugboot 500 km vom Nordkap entfernt aus dem Meer holen. Die Gesamtzahl der Menschen, denen er Hilfe bringen konnte, wird auf über 1000, von manchen auf 2000, geschätzt.

Dankbarkeit von Geretteten aus verschiedenen Ländern, Anerken-nung von den norwegischen Mitarbeitern, Wertschätzung bei den deutschen Untergebenen wegen seiner Freundlichkeit und väterlichen Fürsorge – das waren sicherlich erfreuliche Erfahrungen beim Militär-dienst im kalten Norden. Daneben begeisterte den Major Wahl aber die Natur: die Landschaft Norwegens mit ihren Inseln und Fjorden, Felsgebirgen und menschenleeren Eisflächen und Schneefeldern machte einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. Das kommt beson-ders schön zum Ausdruck, als er erfuhr, dass ein Gefreiter Aquarelle malte. Er ließ sie sich zeigen und war ganz platt, dass der Soldat so etwas konnte. Er bat sich ein paar Blätter für sich aus, und als der ma-lende Untergebene munkelte, dass er gern mal etwas anderes sähe als immer die Berge um Kirkenes, den Fjord und das Eis, sagte der Major: „Dann fliegen Sie mit mir, und ich lasse Ihnen Gelegenheit zum Malen.“ Er nahm also das Malertalent auf verschiedene Dienstflüge mit in die schönsten Teile Norwegens, und gemeinsam genossen sie den Anblick der Landschaft unter ihnen, machten sich gegenseitig auf Besonderheiten aufmerksam, indem sie sich, um das Dröhnen der Motoren zu übertönen, kurze Bemerkungen ins Ohr trompeteten. Während der Major seine Dienstbesprechungen abhielt, hatte der Ma-ler Zeit, seine Eindrücke in Wasserfarben festzuhalten und war dem „Alten“ dafür aus tiefster Seele dankbar. In einem enthusiastischen Brief an seine Mutter berichtet er von diesen gemeinsamen glückli-chen Erlebnissen. Von diesem Brief hat der Maler 40 Jahre später eine Abschrift Gertrud Geipel zukommen lassen – Beweis dafür, wie nachhaltig ihn das Kunst- und Naturverständnis Ludwig Wahls beglückt hatte!


(kein Gemälde, aber eine aus mehreren Fotos von Ludwig Wahl zusammengesetzte norwegische Landschaft)

Im Oktober 1942 wurde Ludwig Wahl ein Arbeitskommando von 350 sowjetischen Kriegsgefangenen zugeteilt, die überraschend mit einem Dampfer ankamen. Darüber schreibt später sein damaliger Fahrer am 18.12.1946 in einer eidesstattlichen Erklärung: „Trotz der in Kirkenes sehr schwierigen Unterbringungsmöglichkeiten gelang es seiner Tat-kraft, die Gefangenen so unterzubringen, dass sich ihre Lebensbedin-gungen wesentlich von denen anderer Lager unterschieden. Er ließ einen heizbaren Torpedo-Lagerraum für die Gefangenen herrichten und beheizen, wodurch trotz der dort herrschenden Kälte Krankheiten auf ein Mindestmaß herabgedrückt werden konnten. Gleichzeitig ließ er eine Küche mit 3 Kesseln anbauen und einen Waschraum mit fließend warmem und kaltem Wasser, so dass sich die Gefangenen schon vor der Arbeit gründlich waschen konnten. Dazu wurde eine Wasserleitung gebaut, die nach eigenen Plänen des Herrn Wahl an-gelegt wurde. Durch geschickte Anlage wurde ein so hoher Wasser-druck erreicht, dass sie nicht einfrieren konnte. Ferner wurde eine Ent-lausung und eine Krankenstube mit Kachelofen von den Gefangenen erstellt, die sich beide sehr bewährten. Herr Wahl betrieb den Bau dieser Anlage mit besonderem Ernst und erhielt dafür von einer be-sichtigenden Kommission besondere Anerkennung, wie mir noch ge-nau bekannt ist. Er bemühte sich stets, das schwere Los der Gefan-genen auf jede erdenkliche Weise zu mildern. So beschaffte er u.a. aus eigenen Mitteln Hunderte von Angelhaken und Schnüren, damit sie in der Freizeit bei dem großen Fischreichtum sich selbst zusätzlich Nahrung beschaffen könnten. Er stellte sogar ein eigenes Boot zur Verfügung, damit mit diesem weiter ab vom Land größere Mengen er-beutet werden könnten.“ – Dieses „Boot“, ein Motorkutter mit intaktem Motor, schätzungsweise 10 m lang, hat Ludwig Wahl einem Fischer in Kirkenes abgekauft; dessen Quittung über den Empfang von 1600 Kronen ist noch erhalten.


Sein Fahrer schreibt weiter: „Eines Tages erteilte Herr Wahl den Wachmannschaften den strikten Befehl, jede rohe Behandlung zu un-terlassen, und drohte ihnen bei Zuwiderhandlung schwere Strafe an. Veranlassung war eine Körperverletzung eines Gefangenen durch Ba-jonettstiche. Herr Wahl verurteilte scharf das Vorgehen dieses Solda-ten in Gegenwart der Russen. Solange ich beobachten konnte, ist un-ter dem Kommando des Herrn Wahl eine vorbildliche Behandlung er-reicht worden. Herr Wahl hat sich persönlich bei Tag und Nacht durch überraschende Besichtigung der Arbeitsstellen und der Krankenstube von der Einhaltung seiner Befehle überzeugt. – Uns Untergebenen gegenüber hat Herr Wahl wiederholt sein Bedauern über das Schicksal der Gefangenen zum Ausdruck gebracht und betont, dass er sein Mitgefühl stets in die Tat umsetzen werde. Es hätte ja auch in völligem Gegensatz zu seiner militärischen Aufgabe gestanden, Gefangene schlecht zu behandeln oder gar sterben zu lassen, wo er andererseits in persönlichem Einsatz seines Lebens bemüht war, Freund und Feind in gleicher Weise aus Seenot zu retten. – Wir Untergebenen haben stets empfunden, dass diese Aufgabe ihm nicht nur militärischer Dienst, sondern Herzenssache war.“ Und mit dieser Feststellung schließt der Bericht des Fahrers, offensichtlich ein Bewunderer seines Majors.

Ludwig Wahl selbst fasst sich kürzer, aber kaum weniger bewegend. In einem Brief an seine Frau schreibt er am 4. Nov. 1942: „Ich habe doch auch 350 russische Kriegsgefangene. Für sie habe ich das Lager so gut wie möglich eingerichtet, Wasserleitung gebaut, Badestube, Entlausung, Krankenstube u.v.a. Im Gegensatz zu unseren Maß-nahmen haben andere Lager auf einem anderen Standpunkt gestan-den. Dementsprechend sind auch die Verluste, die höchstenorts Auf-sehen erregt haben. Heute waren ein Major und ein Stabsarzt da, die bereits gehört hatten, dass wir hier vorbildlich gesorgt hätten. Sie sprachen sich sehr lobend aus. Das freut einen dann doch!“

Aber bei höheren Offizieren gab es auch Schwierigkeiten. Das be-zeugt ein Leutnant am 3.1.1946 in einer ebenfalls eidesstattlichen Er-klärung: „Ich kenne Herrn Wahl als gütigen und hilfsbereiten Vorge-setzten. Als ich mich weigerte, politische Vorträge zu halten, unter-stützte mich Herr Wahl darin und machte sich dadurch nicht nur beim damaligen Kommandeur, Oberst Engelhorn, sondern auch beim ge-samten Offiziers-Korps verhasst. Er stemmte sich des Öfteren ener-gisch gegen das Schikanieren von Untergebenen und klärte mich in nächtelangen Unterhaltungen über die Korruptheit des Nazi-Regimes auf. Als ich dann selbst wegen militärischen Ungehorsams degradiert wurde, war der einzige Freund, der mir meine schwierige Lage er-leichtern wollte, Herr Wahl. Wo Herr Wahl höhere Befehle, die strikt durchgeführt werden sollten und die dem menschlichen Verständnis zuwiderliefen, abmildern konnte, tat er es und hatte dadurch persönlich schwere Nachteile, vor allem durch Oberst Engelhorn, der als rücksichtsloser Nazifanatiker im ganzen Seenotdienst bekannt war und auch mich rücksichtslos degradieren ließ, obwohl er mir hätte hel-fen können. Soviel mir bekannt ist, wurde Herr Wahl seiner nazigeg-nerischen Einstellung wegen strafversetzt. Ich weiß, dass mehrere Of-fiziere über sein Nazi-Gegnertum Bescheid wussten und Material ge-sammelt haben, das anscheinend nicht ausreichte, ein Verfahren ge-gen ihn einzuleiten, jedoch seine Strafversetzung bewirkt habe muss.“

In Wahrheit verlief der Zusammenstoß viel dramatischer. Bei einer Besprechung in Kirkenes wies der vorgesetzte General den Major da-rauf hin, dass die wohlwollende Behandlung der Gefangenen nicht im Interesse der obersten Reichsleitung liege. Ludwig Wahl entgegnete, wenn schon keine humanitären Rücksichten eine Rolle spielen dürf-ten, dann sollten wenigstens ökonomische Erwägungen Beachtung finden, schließlich seien gesunde Gefangenen bessere Arbeitskräfte als kranke. Über diese Belehrung war der General so erbost, dass er mit sofortiger Wirkung die Ablösung des Majors verfügte.

Ludwig Wahl kam deshalb zum Seenotdienst nach Italien. Sicher war ihm der Dienst im geliebten Norwegen durch die verständnislose Härte seiner Vorgesetzten verleidet. Im Süden dagegen hat ihm seine kritische Einstellung zur Nazi-Kriegsführung offenbar nicht geschadet. Er hat sich auch bei seinem neuen Auftrag, zunächst in Sizilien, dann in Sardinien, bald verdient gemacht. Das geht aus dem Brief an seine Frau vom 29.8.1943 hervor. Darin schreibt er: „Heute erhielt ich fol-gende Anerkennung: - Der Chef der Luftflotte 2. Hptquartier, den 17.8.43 – An Major Wahl, Kommandeur Seenotbereichskdo. XIV – Für die Art der Beilegung des Zwischenfalls anlässlich der Rettung aus Seenot zweier am 24. Juni 1943 abgeschossener amerikanischer Flugzeugführer durch Ihr Schreiben vom 25.6.43 an das Comando Militare Marittimo in Sardegna, spreche ich Ihnen meine Anerkennung aus. – gez. Richthofen Generalfeldmarschall. – Das freut einen denn doch! Wie ganz anders als im Norden. Ich werde Dir mal die Abschrift schicken. Sie war ein Meisterstück der Rabulistik und hätte einem ausgewachsenen Rechtsanwalt Ehre gemacht. Der G.F.M (General-feldmarschall) hat klar erkannt, dass meine Leute dabei einen schwe-ren Fehler gemacht hatten, dass ich das aber nicht nur nicht zugege-ben, sondern das Ganze als reines Missverständnis der Gegenseite hinstellte, hat obige Anerkennung des allerhöchsten Vorgesetzten ausgelöst. Ich bin also wohl doch nicht so dumm, wie es in meiner Ju-gend von mir immer geheißen hat. Oder ist es, weil ich über das Schwabenalter hinaus bin?“  Was der „schwere Fehler“ von Ludwig Wahls Leuten gewesen war, ist aus dem Brief nicht zu erkennen. Of-fenbar gab es eine Kompetenzüberschreitung gegenüber dem italieni-schen Seenotdienst. Da fühlten sich die Bundesgenossen durch deut-sche Amtsanmaßung gekränkt, aber Major Wahl hat durch geschickte „Rabulistik“ die Beschwerdeführer besänftigt, so geschickt, dass sogar der Generalfeldmarschall beeindruckt war. Das hat sicher dazu beige-tragen, dass der Major, offenbar im Februar 1944, zum Oberstleutnant befördert wurde.

Als 1944 die Alliierten in Italien vorrückten, gab es dort bald keinen deutschen Seenotdienst mehr. Ludwig Wahl wurde an die Westfront, nach Frankreich versetzt. Er lag mit seiner Einheit in Bonn, als am 18. Oktober 1944 ein schwerer Luftangriff erfolgte. Ganze Straßenzüge gingen in Flammen auf. Oberstleutnant Wahl war sofort im Einsatz. Darüber schreibt später (1946) die Oberin eines Ordenshauses: „Herr Ludwig Wahl ist unserem Haus (…) in denkbar bester Erinnerung. (…) Bei den unter größter Lebensgefahr vorgenommenen Rettungs- und Bergungsarbeiten leistete uns Herr Wahl unschätzbare Dienste unter äußerster Aufopferung, tagelang. Unsere Not wahrnehmend, stellte er sich uns sofort hilfsbereit zur Verfügung mit Leuten und Wagen. Seine menschlich-wohlwollende und christlich-edle Einstellung wird uns un-vergesslich bleiben.“

Ludwig Wahl selbst berührt diese Vorkommnisse aus einem ganz anderen Blickwinkel. Im Zusammenhang mit einer Betrachtung über sein Sammlerinteresse an Uhren, besonders Standuhren, das er von seinem Vater übernommen hatte, erinnert er sich: „Bei einem schwe-ren Luftangriff auf Bonn war ich mit meinen Leuten bestrebt, zu retten, was zu retten war. Wir schafften möglichst alles Inventar heraus. Da stand im I. Stock noch eine große Standuhr und ging, als ob nichts geschehen war. Die wollte ich nun auch noch retten und packte sie. Da brach unter mir der brennende Fußboden, und ich musste die Uhr Uhr sein lassen und schnellstens das brennende Haus verlassen.“ Vielleicht hätte er als Sachverständiger das Erinnerungsstück seinem Besitzer abhandeln können, aber die Lebensgefahr nötigte ihn zu eili-ger Flucht.

Gegen Kriegsende geriet Oberstleutnant Wahl in den Raum Worms-Lampertheim. Darüber berichtet 1949 ein ihm unterstellter Leutnant an Hand seines Tagebuchs: „In der Nacht vom Dienstag, dem 20., zum Mittwoch, dem 21.3.1945 erhielt Bürgermeister Grünewald von der Feindseite, die im Raum Alzey-Worms stand (Sprengung der Wormser Ernst-Ludwig-Rheinbrücke und der Eisenbahn-Rheinbrücke am 20.3.1945, gegen 2.30 und 5.30 Uhr), die Aufforderung, die etwa 10000 Einwohner zählende Gemeinde Lampertheim von deutschen Wehrmachtseinheiten räumen zu lassen, andernfalls ab 5 Uhr des 21.4.45 Artilleriefeuer auf die bisher gänzlich unversehrte Ortschaft Lampertheim gelegt werde. Widerstand solle ab sofort eingestellt wer-den. In der nüchternen Erkenntnis, dass es unsinnig und verbreche-risch sei, eine deutsche Ortschaft nach Lage der militärischen Dinge der Zerstörung preiszugeben, hat Herr Wahl persönlich und selbstän-dig, auf eigene Verantwortung und eigenes persönliches Risiko, ent-gegen den wahnwitzigen OKW-Geheimbefehlen, die völlige militäri-sche Räumung des Ortes Lampertheim befohlen und bei allen dort untergebrachten militärischen Einheiten durchgesetzt. Gegen 4.30 Uhr verließ unsere Einheit Lampertheim als letzte deutsche Einheit, nachdem wir uns vergewissert hatten, dass auch die anderen Einhei-ten abgezogen waren. Auf diese Weise blieb der etwa 10000 Einwoh-ner große Ort mit seinen schmucken Häusern und seinen arbeitssa-men, rechtschaffenen Einwohnern unversehrt. – Hätte Herr Wahl die-se menschlich hohe, kluge und moralisch vorbildliche Entschließung nicht getroffen, so wäre Lampertheim mit großer Wahrscheinlichkeit heute ein einziger Schutthaufen mit vielen Massengräbern unschuldi-ger, anständiger Menschen.“

Bis zum Ende des Krieges, das er nach dem Rückzug durch Fran-ken in Böhmen erlebte, blieb Ludwig Wahl bei seiner Einheit und kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Auch darüber schreibt der Leutnant, der von Lampertheim berichtet hatte: „Sowohl als Vorge-setzter wie auch als Mensch und Kamerad war er bei sämtlichen An-gehörigen unserer Einheit sehr geschätzt und aufrichtig verehrt. Wir teilten mit ihm unser Schicksal gemeinsam bis zu seiner Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft. So mancher einst sich stolz gebärdende Wehrmachtsangehörige anderer Einheiten verkrü-melte sich während der allgemeinen militärischen Verwirrung der da-maligen tragischen Momente deutscher Geschichte. Herr Wahl verließ uns nicht, obwohl auch er genau so wie wir wusste, dass wir auf verlo-renem Posten kämpften und der Krieg hoffnungslos verloren und mili-tärisch entartet war. Er schärfte uns ein, getreu unserem Eid im Inte-resse der Heimat und des Schutzes unserer Angehörigen auszuhalten und den Krieg so anständig und ritterlich wie irgend möglich zu führen.“

Ludwig Wahl kam schon im Mai 1945 nach Friedberg zurück. Er war wegen Magenbeschwerden schnell aus der Gefangenschaft entlas-sen, von den Amerikanern beim Rückzug aus Böhmen mitgenommen und – man kann es kaum glauben – in Friedberg abgesetzt worden. Dort musste er allerdings feststellen, dass auch sein Wohnhaus bei einem Fliegerangriff im April 1945 ausgebrannt war. Der Wiederauf-bau zog sich wegen der Schwierigkeiten der Materialbeschaffung 5 Jahre hin, aber es gelang, den stattlichen Altbau in alter Form wieder-herzustellen. Dort wohnt seine Tochter Gertrud Geipel noch heute. Auch seine Firma, die Agentur einer Versicherung, konnte Ludwig Wahl wie in der Vorkriegszeit erfolgreich weiterführen.

Allerdings musste er als hoher Offizier der Wehrmacht und früheres Mitglied der NSDAP sich 1948 vor der Friedberger Spruchkammer ei-nem Entnazifizierungsverfahren unterwerfen. Da er kein Amt in der NSDAP ausgeübt hatte und als Offizier von 1939 an freigestellt war, hatte er nichts zu befürchten. Er wurde als „Mitläufer“ eingestuft und milde beurteilt. Dabei haben ihm die Erklärungen seiner ehemaligen Untergebenen, die oft Freunde geworden waren, sicher geholfen, und sie boten auch reichlich Material zu dem hier vorgelegten Bericht. Hät-te man erwarten können, dass der bescheidene Ludwig Wahl sich selbst so liebevoll geschildert hätte wie seine früheren Kameraden?

Er war selbst im Alter rüstig und unternehmungslustig, ein liebevoller Familienvater und seit 1974 Senior der Familie Bernbeck. Er starb nach kurzer Krankheit am 7. März 1977 im 81. Lebensjahr.

Einen Menschen wie Ludwig Wahl findet man selten. Wir sollten ihn nicht vergessen.

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