Einige Tage vor der Familienrats-Sitzung im November 2014 erhielt ich einen Anruf von meinem Sohn Peter Bernbeck; Otto-Georg Richter (F 9433), unser Webmaster in Amerika, habe ihm gemailt, da habe ein Herr Hallstein ein Ölgemälde aufgefunden, das Johann Philipp Bernbeck darstelle, den Großvater unseres Stammvaters Johann Daniel Bernbeck. Bevor der Entdecker das Bildnis in den Antiquitätenhandel bringe, wolle er es der Familie Bernbeck zum Kauf anbieten. Es befinde sich jetzt in Pfungstadt. Und Peter gab mir Adresse und Telefonnummer des Herrn Hallstein. Vielleicht könnte ich mir das Gemälde mal ansehen.

 

   Pfungstadt liegt praktisch in meiner Nachbarschaft, kein Problem, da mal hinzufahren. Ich rief also Herrn Hallstein an, und er bestätigte, was er schon Otto-Georg mitgeteilt hatte: das Bild stelle gemäß der Inschrift auf der Rückseite einen Vorfahren der Familie Bernbeck dar. Er selbst treibe Ahnenforschung in seiner eigenen Familie und sei dabei auf das fremde Porträt gestoßen. Er wolle es gern der Familie Bernbeck reservieren. Ob ich eine email-Adresse hätte? Nein? Dann könne er mir halt kein Foto schicken. Aber ich konnte einen Besuch bei ihm verabreden, schon am übernächsten Nachmittag war er zu erreichen.

 

  

Seit meiner Kindheit habe ich Erfahrung mit einem imposanten Por-trät von der Hand eines alten Meisters. Es ist das Selbstbildnis von Anthonis van Dyck (1599-1641), das im Wohnzimmer meiner Eltern hing. Natürlich nicht das Original, das hängt in der Münchner Pinakothek, aber eine gut gelungene Kopie. Mein Vater hatte sie in seiner Münchner Studentenzeit von einer Akademie-Schülerin übernommen, der er aus einer Geldverlegenheit helfen wollte. So kam das Bild in unser Haus.

Anthonis van Dyck (1599-1641)

   Es stellt van Dyck sitzend in Lebensgröße dar und misst mit dem Rahmen 80 mal 92 cm. Jeder Uneingeweihte hält es für das Bildnis einer Frau, denn van Dyck hat langes, gelocktes Haar, ist mit einem weiten Gewand bekleidet und trägt eine lange, goldene Kette. Obendrein glaubten viele Besucher in diesem weiblichen van Dyck meine Mutter zu erkennen, denn sie hatte die gleiche Frisur (Dauerwelle), den gleichen eindringlichen Blick und das gleiche freundliche Lächeln. So trug das Bild oft zur Erheiterung bei, wenn meine Mutter einen neuen Besucher ein paar Minuten lang in seinem Irrtum schmoren ließ („Ein vortreffliches Bild! Sagen Sie, wie alt waren Sie damals?“ – „Na raten Sie mal..“ usw.). Mein älterer Bruder dagegen hatte als Kind Angst vor dem fremden Mann an der Wand und fühlte sich von ihm bedroht und verfolgt. Deshalb sah er das Bild auch später noch mit Abneigung, so dass meine Mutter es in ihrem Testament  m i r  zugesprochen hat.

 

   Nach dieser Abschweifung zu van Dyck wird man meine Reaktion auf den neuen Fund eines Familienporträts verstehen. So ein Bild konnte ich nicht brauchen, ich hatte doch schon ein großflächiges Gemälde. Für ein weiteres wäre in der Wohnung einfach kein Platz mehr. Alle Wände sind bereits durch Bücherregale und Kunstreproduktionen belegt. Aber ein Vorfahr aus der Familie Bernbeck? Auch dieser Gedanke konnte mich reizen: mein van Dyck hatte doch auch schon einen Bezug zur Familie Bernbeck, zwar nicht ganz wahrheitsgetreu, dafür aber zu meinen eigenen Eltern. Außerdem wäre mir das neue Gemälde wahrscheinlich zu teuer. Was also damit anfangen? Das Familienarchiv war ja gerade an das Land Hessen nach Darmstadt geliefert worden. Ob man da überhaupt noch etwas nachreichen konnte? Aber vielleicht hätte ein Verwandter stärkeres Interesse als ich. Das müsste auf der bevorstehenden Familienratssitzung leicht zu klären sein. Ich musste also nach Pfungstadt fahren, um meinen Verwandten das Bild beschreiben zu können.

 

   Wer war überhaupt dieser Johann Philipp Bernbeck? Das Familienbuch, das Otto-Georg Richter zusammengestellt hat, gab einen knappen Hinweis: er lebte 1700-1754, war Wollweber in Gießen, heiratete mit 18 Jahren die 7 Jahre ältere Anna Dorothea Maus und überlebte sie um 3 Jahre. Ich packte das Familienbuch in meine Aktenmappe, um Herrn Hallstein meine neu gewonnenen Kenntnisse schwarz auf weiß demonstrieren zu können. Vielleicht könnte ich ihn überreden, mir das Gemälde leihweise, vielleicht gegen eine bescheidene Kaution, anzuvertrauen, damit ich es am nächsten Sonntag den Mitgliedern des Familienrates zeigen könnte? Aber wie es überhaupt transportieren? Mein van Dyck würde wohl kaum in den Kofferraum passen. Vielleicht wäre Johann Philipp Bernbeck nicht weniger sperrig, dann müsste ich ihn wohl hinter den Fahrersitz auf den Boden stellen. Dann sollte ich wohl am besten eine Decke mitnehmen, um ihn, wie ich es bei anderen Umzügen beobachtet hatte, sachverständig gegen Transportschäden zu schützen. Nur hatte ich keine Decke, die ich dem Staub in meinem Auto hätte aussetzen wollen. Also fuhr ich erst einmal ohne eine geeignete Decke nach Pfungstadt.

 

   Als ich dort an dem mir beschriebenen Hauseingang klingelte, öffnete mir ein etwa zwölfjähriges Mädchen, offenbar die Enkelin des Herrn Hallstein. Denn wer sich mit Ahnenforschung beschäftigt und am frühen Nachmittag eines Werktages Besuch empfangen kann, muss schon ein höheres Alter und den Ruhestand erreicht haben. Aber noch bevor ich das Mädchen nach ihrem Opa fragen konnte, winkte sie mich ins Haus, war also schon auf meinen Besuch vorbereitet. Ich betrat einen Wohnraum und alsbald erschien auch Herr Hallstein, ein jugendlicher Mann von etwa 40 Jahren, also der Vater und nicht etwa der Großvater des Mädchens. Meine Überraschung darüber, einen so jungen Ahnenforscher kennenzulernen, führte sofort zu einem lebhaften Gespräch, und ich konnte ihm freimütig erklären, dass ich persönlich keine Verwendung für das Ahnenbild hätte, dass aber im Kreis der Familie sicher ein Interessent zu finden sei. Ob er vielleicht bereit sei, mir das Gemälde zur Begutachtung durch den Familienrat für ein paar Tage auszuleihen?

 

   Er erhob keinen Einwand, er wolle das Objekt erst einmal herbei holen, stand auf und verließ das Zimmer. Ich wollte ihm noch meine Hilfe beim Transport anbieten, aber er schien darauf keinen Wert zu legen. Als er zurückkam, trug er einen kleinen Plastikbeutel in der Hand und zog eine Holzplatte daraus hervor: tatsächlich, das angekündigte Bildnis, ein Ölgemälde in kleinem Rahmen, fast schon eine Miniatur, nicht größer als 24 mal 23 cm, wie ich später nachgemessen habe. Meine Sorgen wegen des Transportes erwiesen sich also als unbegründet, und auch der Kaufpreis konnte nicht allzu hoch sein. Ich fragte Herrn Hallstein, was er mit dem Bild zu tun gedenke. Wenn kein Bernbeck daran Interesse habe, werde er es demnächst auf dem Flohmarkt anbieten. Als ich ihm in der festen Annahme, im Familienrat einen Käufer zu finden, 20 Euro anbot, sagte er sofort zu, und ich konnte das Kunstwerk in den Plastikbeutel zurückschieben und in meine Aktenmappe packen. Dort war sogar noch neben dem gewichtigen Familienbuch genug Platz. Wir plauderten noch ein bisschen über den Stand der Ahnenforschung in unser beider Familien und trennten uns in herzlichem Einvernehmen. Zum Abschied konnte ich ihm wenigstens ein Duplikat unseres Familienblattes schenken. Dann hat er künftig auch meine Heppenheimer Adresse greifbar und muss nicht wieder den Weg über Amerika gehen. Dort hatte er den Kontakt schon im Februar 2014 gesucht, aber es hatte technische Schwierigkeiten und Verzögerungen gegeben.

 

   Zuhause sah ich mir das Bildnis genauer an. Es ist in Ölfarbe auf Leinwand gemalt, die später auf eine Holzplatte geklebt wurde. Es ist ein Gemälde in Kleinformat und zeigt vor dunklem Hintergrund das Brustbild eines anscheinend 40-jährigen Mannes, der einen schwarzen Talar mit breitem Schulterkragen und einer Linie von kleinen schwarzen Knöpfen trägt. Den Hals umschließt eine weiße Binde, die in einem Beffchen endet und sich deutlich von dem schwarzen Talar abhebt. Der Mann hat dunkles, schulterlanges, in der Mitte gescheiteltes Haar. Der Kopf ist schmal mit langer Nase, das Gesicht aber füllig mit starkem Doppelkinn. Der Mund ist geschlossen, auf der Oberlippe zeigt sich die feine Linie eines Schnurrbarts. aar. HH Der Mann blickt selbstbewusst, ernst und ruhig aus weit geöffneten Augen auf den Betrachter herab, offenbar sitzt er etwas erhöht. Das wird noch unterstrichen durch die etwas gehobenen Augenbrauen. Im Ganzen das Bild eines würdevollen Mannes.

 

        Johann Philipp Bernbeck        

 

   Auf die Rückseite der Holzplatte ist ein beschrifteter Papierstreifen geklebt. Der Text lautet: „Johann Philipp Bernbeck (der Name ist unterstrichen), geb. zu Giessen am 4.IV.1700, gest. daselbst am 29.IX.1754 Großvater des Wirberges Stammvaters. S. Stammbaum S. 44 oben.“ Schwarze Tinte und das Schriftbild lassen vermuten, dass diese Erläuterungen schon um 1900 hinzugefügt wurden, zweifellos von einem Kenner oder Mitglied der Familie Bernbeck. Später hat ein anderer Schreiber mit blauer Tinte und in großen Druckbuchstaben angemerkt: „Auf der Rückseite der Leinwand steht 1724“. Dieser Zusatz stammt offenbar von dem Restaurator, der die Leinwand auf die Holzplatte geklebt hat.

 

   Natürlich bin ich dem Hinweis auf den Stammbaum gefolgt. Gemeint ist das erste Familienbuch von 1896. Dort stehen auf S. 44 dieselben Daten wie auf der Rückseite des Bildes, d. h. das Familienbuch dürfte die Quelle des Bildkommentars gewesen sein. Es liefert aber auch eine wichtige Ergänzung, dass Johann Philipp Bernbeck nicht nur „Bürger und Wollenweber“ zu Gießen war, sondern auch  „des XVIer Raths Mitglied“, offenbar ein Ratsherr oder Stadtverordneter. Er muss also schon mit 24 Jahren in hohem Ansehen gestanden haben.

 

   Beim Vergleich von Vorder- und Rückseite des Bildes kamen mir Zweifel, ob der Dargestellte wirklich Johann Philipp Bernbeck sein könnte. Der soll auf dem Bild erst 24 Jahre alt gewesen sein, sieht aber aus wie 40. Man glaubt auch nicht einen „Wollenweber“ zu sehen, sondern einen Pfarrer. Für beide Bedenken sollte ich bald Aufklärung erhalten.

 

   Nachdem ich mich nun schon etwas genauer mit dem Bild beschäftigt hatte, erschien es mir doch interessanter, als ich bei der ersten Nachricht erwartet hatte. Es war ja auch gar nicht zu groß für meine Wohnung, im Gegenteil, es passte recht gut an die beschattete Wand neben meinem van Dyck. Ich wollte es eigentlich gar nicht mehr hergeben. Aber ich hatte es ja erworben mit dem Vorsatz, es dem Familienrat anzubieten. In der Sitzung am 23. November 2014 zeigte ich es also herum und bot es wieder für 20 Euro zum Kauf an. Offenbar haben die Verwandten aber meinen geheimen Wunsch gespürt, und niemand wollte mir die Beute streitig machen. Adolf Ludwig Clotz (F 6235) gab mir als Kenner der Verhältnisse auch die Bestätigung für die Echtheit der Zuschreibung: Mit 24 Jahren waren damals, 1724, Männer schon stärker gealtert als heute, und Talar und Beffchen waren nicht nur die Amtstracht eines Pfarrers, sondern auch eines Ratsherrn.

 

   Nun hängt das kleine Porträt meines Viermal-Ur-Großvaters, nämlich des Urgroßvaters meines Urgroßvaters Ludwig Bernbeck, des Stammvaters des Stammes Lehrbach, in meiner Wohnung links neben der Kopie des Selbstporträts von Anthonis van Dyck, - in gehörigem Abstand, wie es die schattige Wand erlaubt und der Größenunterschied nahelegt, auch in unterschiedlicher Höhe, wie wenn van Dyck mit seinem umfassenden, in alle Richtungen folgenden Blick freundlich und gönnerhaft auch den Gießener Ratsherrn links neben und unter ihm ins Auge gefasst hätte. Dieser wiederum blickt klein und scheinbar weit entfernt von links auf die Anwesenden meiner Wohnung. Beide Männer scheinen überdies verbrüdert; durch den gleichen dunklen Hintergrund, der dasselbe Zimmer andeuten könnte, durch die beide Mal altertümliche Haartracht und durch den ähnlichen schwarzen Talar.

 

  

 

   Den neuen Ruheplatz in meiner Wohnung wird das Ahnenbild wohl die Jahre bis zu meinem Tod behalten, seine Wanderschaft ist zunächst einmal beendet. Ich glaubte, meinen Bericht von seiner Wiederentdeckung abschließen zu können, aber es ergab sich ein Nachspiel:

 

   Als ich das Bild auf der Familienratssitzung im November 2014 herum zeigte, machte Katrin Henß (HB 732231) mit ihrem Smartphone ein Foto davon. Das erschien dann - in entsprechender Vergrößerung – im Dezemberheft des Familienblattes. Dort diente es zur Illustration des Sitzungsprotokolls, das auch ausführlich auf meinen Erfahrungsbericht einging  und dadurch viel von dem vorweg nahm, was ich kurz danach ohne Kenntnis des zu erwartenden Protokolls zu Papier brachte und hier vorgelegt habe.

 

   Das Foto im Familienblatt sah dann auch Gertrud Geipel (A 2262). Sie erinnerte sich sofort, ein gleiches Foto in alter Schwarz-Weiß-Ausführung schon gesehen zu haben und fand in ihren Familienunterlagen einen Abzug davon, darüber hinaus auch einen umfangreichen Aufsatz von ihrem Onkel Wilhelm Wahl (A 222) mit der Überschrift „Das Gesicht einer Gießener Familie – Bilder aus dem Familienarchiv Bernbeck“. Der Aufsatz erschien 1967 in der Serie „Heimat im Bild“, einer Beilage zum Gießener Anzeiger. Er gibt – illustriert durch viele Silhouetten und Por-träts aus dem Familienarchiv – einen Überblick über die Ahnengalerie der Familie Bernbeck und weist dabei auch auf besondere Erlebnisse einiger Vorfahren hin. Das Titelblatt der Beilage zeigt unten das Stammhaus der Familie Bernbeck in Hattingen-Holthausen, oben rechts – und das allein ist in unserem Zusammenhang von Bedeutung – unser Por-trät von Johann Philipp Bernbeck, oben links das seines Schwiegervaters Jost Maus (geb. 1675). Beide Bilder müssen Wilhelm Wahl also im Original vorgelegen haben, waren vielleicht sogar Bestandteil des Familienarchivs. Wie allerdings Johann Philipp Bernbeck seinen Weg zu Herrn Hallstein in Pfungstadt gefunden hat, bleibt weiterhin ungeklärt.

 

 

 

                          

 

   Und da bin ich wieder am Anfang der Geschichte: Wenn Herr Hallstein nicht so verständnisvoll und hilfreich gewesen wäre, wenn er nicht die Mühe auf sich genommen hätte, Kontakt zu der ihm völlig unbekannten Familie Bernbeck zu suchen, wenn er nicht geduldig von Fe-bruar bis November 2014 auf die Reaktion eines Bernbeck gewartet hätte und wenn er mir nicht das Bild zu einem Spottpreis überlassen hätte, dann wäre mir, wie ich jetzt gestehen muss, eine große Freude entgangen. Vielleicht werden auch meine Erben oder andere Familienmitglieder noch Freude an dem Bildchen haben. Deshalb soll dieser Bericht auch Ausdruck meines Dankes an seinen Retter sein, an Herrn Hallstein aus Pfungstadt.

 

 

Wappen Familienverband Bernbeck

Wappen des Familienverbandes

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