Meinen ersten Familientag erlebte ich 1951 als 17jähriger Schüler auf dem Gleiberg bei Gießen. Im Schlepptau meiner Eltern war ich von Oberursel dahin geraten. Mehr als 100 fremde Gesichter, lauter Ver-wandte, die ich nicht kannte. Ich fühlte mich ziemlich unbehaglich, wusste nicht, mit wem ich welches Gespräch anfangen könnte. Man-che redeten von „Stämmen“, von denen ich nie etwas gehört hatte. Ein beherztes Brüderpaar, nur wenig älter als ich, nahm sich meiner an, brachte mich mit allerlei Wortspielen und Witzen zum Lachen. Sie bo-ten mir von dem Kuchen an, den damals alle Verwandten in Erinne-rung an die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre mitge-bracht hatten. Ich hatte inzwischen aufgeschnappt, dass es einen Stamm „Langd“ gab, und es stellte sich heraus, dass das spendable Brüderpaar auch dazugehörte. „Na klar,“ dachte ich, „bei denen langt’s“. Und als sie mich fragten, von welchem Stamm ich denn wäre, antwortete ich, weil ich es nicht genau wusste und der Kuchen gut schmeckte: „Ich bin vom Stamm Nimm.“
   Spaß beiseite! Inzwischen habe ich im Laufe eines halben Jahrhun-derts gelernt, dass es um 1800 einen Stammvater gab, den Pfarrer Johann Daniel Bernbeck, der mit 13 Kindern gesegnet war, von denen 7 Nachkommen hatten und somit 7 Stämme gegründet haben. Man hatte dann noch einen achten Stamm „adoptiert“, vielleicht, dachte ich, weil der irgendwie verwaist war, oder weil die Zahl 8 als Produkt von 2x2x2 mathematisch sympathischer erscheint als die sprichwörtlich bekannte „böse Sieben“.

Da von den 7 Stämmen 5 durch Töchter des Stammvaters ins Le-ben getreten sind, aber nur 2 durch Söhne, war es auch leicht ver-ständlich, dass in der Familie Bernbeck die meisten Verwandten ande-re Namen haben, denn auch der adoptierte Stamm hieß nicht Bern-beck. Leicht verständlich auch, dass die weiblich begründeten Stäm-me nach den Ehemännern der Bernbeck-Töchter benannt wurden, al-so Stamm Wahl, Strack, Bichmann und Scriba. Verständlich auch, dass es Stamm Strack I und Strack II geben musste, weil der Pfarrer Gottfried Strack nach dem frühen Tod seiner ersten Frau deren Schwester heiratete, so dass er zweimal Schwiegersohn des Stamm-vaters wurde und zwei weiblichen Stämmen den Namen gab. Wie es zur Adoption eines Stammes Starck III kam, bedarf einer ausführlicheren Erklärung, die demnächst in anderem Zusammenhang nachgeholt werden soll.
   Schön, die 5 „weiblichen“ Stämme wurden nach den Namen der Ehemänner von Johann Daniels Töchtern benannt. Die beiden „männ-lichen“ Stämme behielten den Namen Bernbeck. Wie sollten sie unter-schieden werden? Ganz einfach: nach dem Wohnort des Begründers. Das war im einen Fall ein Dorf namens Langd, im anderen Fall ein an-deres namens Lehrbach.
   Und wo liegen diese Dörfer, oder was ist aus ihnen geworden? Sie sind nur Eingeweihten bekannt. In meinen Lexika sind sie nicht ge-nannt, es sind wohl unbedeutende Nester. Ob ein Verwandter Genaue-res wüsste? Vage Angaben hatte ich schon erhalten, etwa „Oberhes-sen“, „Gegend von Alsfeld“ und ähnliches. Das fand ich wenig befrie-digend. Meine Ravenstein-Straßenkarte von Hessen (Maßstab 1:250000) erwies sich als sehr unübersichtlich: Tausende von Namen in winziger Schrift, manchmal ist die genaue Lage kaum erkennbar. Mit viel Mühe konnte ich ein Langd bei Hungen ausmachen, ein Lehrbach auf halbem Weg zwischen Alsfeld und Kirchhain. Ob das dann die gesuchten Orte waren? Vielleicht gab es mehrere gleichen Na-mens. Man müsste wohl bei einem Geschichtsverein fragen, ob in ir-gendeinem Staats- oder Stadtarchiv eine alte Landkarte, möglichst aus dem 19.Jahrhundert, vorhanden sein könnte. Der Weg zu endgültiger Klarheit versprach sehr zeitraubend zu werden. Ob sich die Mühe überhaupt lohnen würde? Wer will denn überhaupt Näheres wissen?
   Dann hatte ich endlich den rettenden Einfall: das Postleitzahlenbuch, der bekannte Wälzer, dick wie ein Telefonbuch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass da noch all die längst in größeren Verbänden aufgegange-nen Dörfer in alphabetischer Reihenfolge verzeichnet sind. Ich muss jetzt selbst über meine Blindheit lachen, ein anderer wäre wohl schnel-ler auf das Postleitzahlenbuch verfallen. Wenn jemand einen von der Landkarte verschwundenen Ort sucht, kann er schneller zum Ziel kommen als ich.
   Nun also das Ergebnis: Langd ist jetzt Bestandteil von Hungen, Postleitzahl 35410, es liegt etwa 5 km östlich von seiner jetzigen Pflegestadt (siehe Karte 1). Lehrbach gehört jetzt zu Kirtorf, PLZ 36320, es liegt etwa 5 km westlich davon, ziemlich genau in der Mitte zwischen Alsfeld und Kirchhain, d.h. etwa 15 km westlich von Alsfeld (siehe Karte 2).
 
Karte 1: Langd, Leihgestern (Scriba), Laubach (Familientag)

Karte 2: Lehrbach

Nach diesem Fahndungserfolg will ich auch über die „Stammburgen“ der „weiblichen“ Stämme Auskunft geben. Natürlich sind es keine echten Burgen, sondern lauter Pfarrhäuser. „Stammsitz“ wäre weniger irreführend, klingt aber zu langlebig. „Stammburg“ lässt eher daran denken, dass das ferne Vergangenheit und heute nicht mehr gültig ist. Die alten Burgen sind längst aufgegeben.
   Die „Stammburg“ des Stammes Wahl war das Pfarrhaus in Queckborn, und das ist jetzt Stadtteil von Grünberg (PLZ 35305), es liegt etwa 3 km südwestlich davon (siehe Karte 3). Londorf, Gründungsort der Stämme Strack I und II, ist jetzt Teil von Rabenau (PLZ 35466), etwa 2 km westlich davon, nahe bei Allendorf an der Lumda (siehe Karte 3). In Londorf war auch der Schwiegervater der beiden Bern-beck-Töchter schon Pfarrer. Natürlich hieß er gleichfalls Strack, und dadurch hat der Adoptivstamm die Bezeichnung Strack III erhalten. Genaueres dazu folgt, wie schon gesagt, später an anderer Stelle.
 
Karte 3: Londorf (Strack), Queckborn (Wahl), Wirberg (Stammvater)


   Der Gründer des Stammes Bichmann war bei seiner Eheschließung Pfarrer in Frohnhausen, wenig später mit weiteren Ämtern in Butz-bach und Lich. „Frohnhausen“ gibt es mehrfach. Am wahrscheinlichs-ten erscheint mir das jetzt zu Battenberg an der Eder (PLZ 35088) ge-hörige, weil es Biedenkopf am nächsten liegt, wo der Pfarrer weitere Amtspflichten hatte (siehe Karte 4). Pfarrer Scriba, Gründer des Stammes Scriba, war in Leihgestern tätig (siehe Karte 1). Das liegt etwa 10 km südlich von Gießen und gehört jetzt zu dem aus mehreren Orten vereinigten Linden (PLZ 35440).
 
Karte 4: Frohnhausen (Bichmann)


   Nun zu unserem Stammvater Johann Daniel Bernbeck. Sein Stammsitz war bekanntlich der Wirberg, etwa 17 km östlich von Gie-ßen und etwa 6 km östlich vom Reiskirchener Dreieck, allerdings süd-lich von der Autobahn (siehe Karte 3). Dort sind alle seine 13 Kinder geboren. Wirberg ist kein Dorf, sondern tatsächlich nur ein Berg, nicht einmal besonders hoch. Oben stehen heute eine kleine Kirche und das Pfarrhaus mit einigen Nebengebäuden. Besucher des Familientages von 2002 in Winnerod werden sich an den Ausflug dorthin erinnern, weil dort ein seltenes Familienereignis stattfand: die Trauung von Otto-Georg Richter (F 9433) und Maria Schowengerdt (B 35831) durch Adolf Ludwig Clotz (F 6235). Gemäß der Eigenart dieses Ortes war unser Stammvater als nicht Pfarrer in Wirberg, sondern auf dem Wirberg. Die Pfarrei bestand schon vor der Reformation und umfass-te die Gemeinden Göbelnrod, Reinhardshain, Beltershain und Lumda. So kann man es im „Hessen-Darmstädtischen Pfarrer- und Schul-meister-Buch“ (Hassia sacra I) nachlesen, das Dr. Wilhelm Diehl 1921 in Friedberg herausgegeben hat. Zeitweise gehörten später auch noch andere Gemeinden dazu, wurden aber wieder abgetrennt. Der Wirberg war also der kirchliche Mittelpunkt für kleine, ziemlich weit verstreute Orte, was dem Pfarrer den Dienst sehr erschwerte und Johann Daniel Bernbeck 1824 veranlasste (er war damals schon 59 Jahre alt), um seine Versetzung zu bitten. So kam er nach Heuchelheim nahe bei Gießen.
   In der Beilage „Heimat im Bild“ zum Gießener Anzeiger erschien am 8.Dezember 1958 ein Aufsatz von J. Weiershäuser mit der Überschrift „Rings um die Wieseckquelle“. Er enthält wichtige Hinweise auf den Wirberg. Es gab dort 1149 eine Burg, daneben später ein Kloster, ver-mutlich eine Stiftung des Burgherrn. Dieses Kloster wurde 1529 infolge der Reformation aufgegeben, der ganze Komplex im Dreißigjährigen Krieg zerstört. 1745 wurde die Kirche neu erbaut und überstand auch die Kämpfe, die sich 1761 und 1762 im Siebenjährigen Krieg mit den Franzosen dort abspielten.
   So darf man sich die Existenz einer Pfarrei in einsamer Lage als Er-gebnis einer wechselvollen Vorgeschichte erklären: Ein Burgherr gründete neben seinem Herrschersitz ein Kloster und mit diesem ver-bunden ein kirchliches Amt, das auch die Betreuung des weiteren Um-feldes zu besorgen hatte. Die weltliche Herrschaft hat die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges nicht überlebt. Das kirchliche Amt dage-gen war unentbehrlich und blieb bestehen. Johann Daniel Bernbeck können wir zwar nicht als Inhaber einer „Stammburg“ betrachten, aber doch als den Verwalter ihrer geistlichen Hinterlassenschaft.

Wappen Familienverband Bernbeck

Wappen des Familienverbandes

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